Zwischen Mitbestimmung und Schutz

„Kinder brauchen Erwachsene, die den Mut haben, ihnen Halt zu geben.“
— Jesper Juul

Auf Augenhöhe und trotzdem in Verantwortung

„Erziehung auf Augenhöhe“ ist zu einem zentralen Leitbegriff unserer Zeit geworden. Er steht für Respekt, Beteiligung und das ernsthafte Interesse an der inneren Welt von Kindern und Jugendlichen. Diese Haltung ist wertvoll und notwendig. Kinder haben ein Recht darauf, gehört zu werden, mitzugestalten und in ihrer Würde wahrgenommen zu sein.

Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit und meinem Umfeld immer wieder, dass dieser Begriff missverstanden oder verkürzt gelebt wird. Auf Augenhöhe zu sein bedeutet nicht, dass Erwachsene ihre Verantwortung abgeben. Eltern und Bezugspersonen haben Rechte, ebenso auch Pflichten. Eine davon ist der Schutz. Schutz vor Überforderung, vor Grenzverletzungen, vor Entscheidungen, die Kinder noch nicht tragen können.

Beteiligung braucht Halt

Partizipation ist ein wichtiger Bestandteil gesunder Entwicklung. Kinder sollen mitreden, mitentscheiden und sich als wirksam erleben. Auch Erfahrungen sollen sie machen dürfen und in Reflexion gehen. Entwicklungspsychologisch wissen wir jedoch: Kinder brauchen dafür einen sicheren Rahmen. Orientierung entsteht nicht durch Gleichstellung, sondern durch verlässliche Führung.

Wenn Kinder und Jugendliche zu früh oder zu umfassend auf sich selbst gestellt werden, wirkt das oft nicht befreiend, sondern belastend. Sie tragen dann Verantwortung für die ihnen noch innere Reife, Erfahrung und emotionale Stabilität fehlen. Was nach Freiheit aussieht, ist in Wahrheit häufig Überforderung.

Bedürfnisorientierung = tiefer hinschauen

Ein zentraler Gedanke der bedürfnisorientierten Begleitung ist, dass hinter jedem Verhalten und jedem Wunsch ein Bedürfnis steht. Dieser Ansatz ist fachlich gut begründet und hilfreich, wenn er aber differenziert angewendet wird.

Ein Beispiel:
Wenn ein Kind sagt, es möchte fernsehen, geht es nicht zwingend um die Serie oder den Bildschirm. Möglicherweise steckt dahinter das Bedürfnis nach Ruhe, nach Nähe, nach Abgrenzung von Reizen oder nach emotionalem Rückzug. Das Bedürfnis ernst zu nehmen heisst nicht automatisch, dem Wunsch nachzugeben. Es heisst, das eigentliche Anliegen zu erkennen und darauf zu antworten.

Bedürfnisorientierung bedeutet also nicht „alles erlauben“, sondern „verstehen, was gebraucht wird“.

Erwachsene bleiben in Führung

Aus meiner Sicht ist klar: Kinder brauchen Erwachsene, die emotional präsent sind, Verantwortung übernehmen und Grenzen setzen können. Grenzen geben Sicherheit. Elterliche Führung ist kein Machtmissbrauch sondern ein Beziehungsangebot. Sie wird dann wirksam, wenn sie klar, zugewandt und begründet ist. Kinder dürfen widersprechen, Gefühle zeigen und Bedürfnisse äussern. Die Entscheidung und die Verantwortung bleiben jedoch bei den Erwachsenen.

Bedürfnisorientierung beginnt bei den Eltern

Ein oft übersehener Aspekt ist, dass bedürfnisorientierte Begleitung immer bei den Erwachsenen selbst beginnt. Eigene Prägungen, Stressmuster und Grenzen wirken unmittelbar auf das Handeln im Familienalltag. Wer die Bedürfnisse von Kindern feinfühlig wahrnehmen möchte, braucht auch Zugang zu den eigenen.

Selbstfürsorge, Reflexion und das Ernstnehmen der eigenen Belastungsgrenzen sind keine egoistischen Akte, sondern Voraussetzung für verlässliche Begleitung. Nur wer innerlich stabil ist, kann äusserlich Halt geben.

Eine Haltung der Verbundenheit

Augenhöhe, Partizipation und Bedürfnisorientierung sind wertvolle Elemente einer zeitgemässen Erziehung. Sie entfalten ihre Kraft dort, wo sie eingebettet sind in Beziehung, Verantwortung und Schutz. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen, sondern präsente. Menschen, die zuhören, führen, aushalten und Orientierung geben.

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Die Bedeutung der Beziehung zwischen Lehrpersonen und Eltern